7 Dinge, die Kreative über Perfektionismus wissen sollten

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Sitzt Du gerade? Bist Du unterwegs? Liegst Du auf dem Sofa?

Ganz gleich, wo Du gerade physisch steckst: Unterbrich diesen Text bitte für 60 Sekunden, sieh Dich um und such nach 3 Dingen, die in Deinen Augen perfekt sind.

Ich mache die Übung mit Dir. In einer Minute treffen wir uns wieder hier. Bis gleich.

Zurück? Gut gemacht!

Was hast Du gefunden? Schreib mir gerne unten einen Kommentar mit Deiner Top 3.

Bei mir war es mein Smartphone, meine Orchidee und meine schwarze Aktentasche.

Ist Dir diese Aufgabe leicht gefallen? Oder hattest Du Schwierigkeiten, überhaupt 3 Dinge zu finden? Beides ist total fein!

„Perfekt“ ist eine Bewertung. Du hast Dir die Dinge in Deiner Umgebung angeschaut und mit Deinem Maßstab für „perfekt“ abgeglichen.

Dadurch hast Du Dir indirekt auch die Frage beantwortet, was „perfekt“ für Dich bedeutet.

Was ist Dir dabei durch den Kopf gegangen? Woran hast Du erkannt, dass eine Sache in Deinen Augen perfekt war und eine andere nicht?

Wenn Du diesen Fragen nachfühlst, kannst Du einiges über Dich selbst lernen.

Vielleicht findest Du Dich in einigen von meinen Gedanken wieder, die mir als Maßstab für die Bewertung gedient haben.

 

  • Mein Smartphone fühlt sich einfach gut an. Ich wüsste nicht, was ich daran noch besser machen würde.

     

  • Meine Orchidee hat zwar derzeit keine Blüten und doch ist sie in meinen Augen perfekt. Sie entspricht genau dem Idealbild, das ich von einer Orchidee habe. Denn eine Pflanze lebt und verändert sich.

     

  • Und meine schwarze Aktentasche … Nach der habe ich damals lange gesucht. Kennst Du das? Du hast eine genaue Idee davon, wie etwas sein soll und scannst jeden Laden danach? Bei meiner Tasche hatte ich ein genaues Bild vor Augen. Sie sollte sportlich und doch seriös wirken, schlank sein und doch Platz bieten.

Alle drei Dinge haben gemeinsam, dass sie Freude in mein Leben bringen.


Zwei Folgerungen möchte ich an dieser Stelle mit Dir festhalten:

  1. Perfekte Dinge umgeben uns und machen unser Leben schöner.

  2. „Perfekt“ kann für Dich und mich etwas anderes bedeuten. Schnittmengen sind möglich, doch Perfektion liegt im Auge des Betrachters.  


Ich muss Dir gestehen: Ich umgebe mich gerne mit perfekten Dingen und habe hohe Ansprüche an alles, was ich tue. Ich lebe und arbeite nach dem Motto: entweder ganz oder gar nicht.

Diese hohe Qualität bereitet mir Freude. Nicht nur in materieller Hinsicht! Auch tiefgründige Gedanken, große Ideen und lebendige Beziehungen begeistern mich.

Ist das ein Hang zum Perfektionismus? Kann diese Haltung eine Gefahr sein?

Um das heraus zu finden, bin ich dem Perfektionismus auf die Spur gegangen und habe meine Gedanken dazu hier für Dich festgehalten.

Nach 3 Monaten Grübeln hab ich erkannt, dass dieser Anspruch mir das Leben nicht immer leicht macht.

Doch gleichzeitig bin ich überzeugt: Dank dieser Haltung konnte ich viele meiner Fähigkeiten erst entwickeln und auch den ein oder anderen Auftrag hätte ich ohne diesen Charakterzug nicht erhalten.

Du merkst, für mich gibt’s hier keine Schwarz-Weiß-Malerei, dafür einige klare Empfehlungen, die ich hier mit Dir teile.

 

1. Perfektionismus und das Pareto-Prinzip

Kennst Du Vilfredo Pareto? Naja, persönlich ist das schwierig, denn er ist zurzeit tot. Doch er hat uns die 80-20-Regel geschenkt.

Vielleicht hast Du davon schon gehört. Ich erwähne das hier kurz, weil wir im weiteren Verlauf darauf aufbauen.

Nach dem Pareto-Prinzip können wir 80 Prozent unseres Ergebnisses mit 20 Prozent des Gesamtaufwandes erreichen. Für die übrigen 20 Prozent, die das Ergebnis perfekt machen, müssen wir 80 Prozent unserer Zeit aufwenden.

Lass uns Dein Auto waschen. Sagen wir, es ist Frühling, Dein Auto ist gelb von Pollen und Du warst gerade offroad unterwegs, sodass Deine Felgen versaut sind und überall Schlamm und Staub klebt.

Jetzt kommst Du mit dem Hochdruckreiniger, sprühst Dein Auto 5 Minuten ab und fertig. Sauber! Zumindest auf den ersten Blick. Das sind die 80 Prozent des Gesamtresultats, für die Du nur 5 Minuten brauchst.

Doch was ist mit den Felgen? Denen könntest Du besondere Aufmerksamkeit schenken. Was ist mit dem Unterboden? Wo sitzt auf dem Lack noch Dreck fest? Den könntest Du polieren, bis Dein Auto strahlt wie am ersten Tag.

Gehst Du auf die Details ein, verbringst Du locker 20 weitere Minuten (80 Prozent der Zeit) damit, Dein Auto zu putzen, ohne dass diese Extrapflege auf den ersten Eindruck nennenswerte Unterschiede macht. Denn die letzte 20 Prozent der Wirkung erkennt kaum einer.

Das ist eines der Haupt-Argumente gegen Perfektionismus, denn wir verwenden 80 Prozent unserer Zeit darauf, die letzten 20 Prozent herauszuarbeiten, die das Gesamtergebnis perfekt machen. Mit Blick auf unsere Produktivität und Effizienz ist das keine sinnvolle Entscheidung, oder?

Ich stimme dieser Schlussfolgerung nur bedingt zu. Du wirst gleich sehen, was ich daran gefährlich finde.

 

2. Ist Perfektionismus schlecht?

Perfektionismus hat kein gutes Image.  

Oder klatschen die Menschen um Dich herum, wenn Du Dich als Perfektionist zu erkennen gibst?

In manchen Bereichen schon.

Sagen wir, Du wirst operiert und der Chirurg besucht Dich eine Stunde vor dem Eingriff in Deinem Zimmer. In welchem Fall würdest Du Dich wohler fühlen? Wenn er Dir offenbart, dass er Perfektionist ist? Oder wenn er Dir sagt, dass er die Dinge nicht so genau nimmt?

Ganz ehrlich: Ich fühle mich in vielen Fällen in den Händen eines Perfektionisten besser aufgehoben.

Ich bin froh, wenn der Pilot meines Flugzeugs ein Perfektionist ist. Ich freue mich, wenn der Koch im Restaurant ein Perfektionist ist. Und ich freue mich auch, wenn meine Bandkollegen nichts dem Zufall überlassen. Je wichtiger mir die Dinge sind, desto höher sind auch meine Ansprüche.

Einige Produkte und Dienstleistungen sollten von sich aus perfekt sein. Denn eine OP und eine Landung, die nur zu 80 Prozent geglückt sind, kommen nicht gut an.

Ein optimales Ergebnis anzupeilen, ist also kategorisch nicht verkehrt. Nein, in manchen Bereichen sogar erforderlich und erfüllend. Denk nur an Deine und meine drei perfekten Dinge von oben.

Doch warum verurteilen so viele Menschen den Perfektionismus?

Ein Grund dafür ist Druck. Piloten, Chirurgen und Köche liefern jeden Tag messbare Ergebnisse. Beim Chirurgen und beim Piloten mag etwas mehr auf dem Spiel stehen, doch der Leistungsdruck sitzt ihnen allen im Nacken.

Viele Menschen, die eine perfektionistische Haltung haben, lernen früher oder später, mit dem Druck umzugehen. Gelingt das nicht, kann diese Einstellung lähmende und zermürbende Auswirkungen haben, in Unproduktivität umschlagen oder sogar in eine Depression führen.

Das ist eine echte Gefahr! Doch manchen gelingt es, trotz hoher Ansprüche produktiv zu bleiben. Was steht also in den Risiken und Nebenwirkungen des Perfektionismus?

 

3. Perfektionismus kann zu Prokrastination führen

Zwei wunderbare Wörter in einer Überschrift, nicht wahr?

Perfektion und Prokrastination treten gerne zusammen auf.

Denn in dem Wunsch, etwas perfekt zu machen, bringen wir die Dinge oft nicht zu Ende. Ab einem gewissen Punkt wissen wir nicht mehr weiter, fühlen uns blockiert und gelähmt. Wir scheitern an unseren eigenen Ansprüchen.

Manchmal kann uns der perfektionistische Anspruch schon so früh lähmen, dass wir gar nicht erst anfangen. Stattdessen denken wir unermüdlich über die Sache nach, gehen sie im Kopf immer wieder durch. Wir trauen uns nicht, den ersten Schritt zu machen, weil wir immer noch etwas weiterdenken oder optimieren können.

Vielleicht kennst auch Du jemanden aus Deinem Umfeld, der in dieser Spirale feststeckt. Du hörst dann Sätze wie: „Ich starte erst, wenn alles perfekt ist“ oder „Ich warte noch auf den einen, richtigen Moment“.

Ich war lange Zeit auch so. Mehr als 3 Jahre lang habe ich die Idee zu „Genie und Wahnsinn“ mit mir herumgetragen, bis ich endlich gestartet bin.

Mittlerweile glaube ich nicht mehr an den einen richtigen Zeitpunkt oder den perfekten Moment – ich erschaffe ihn mir selber!

Menschen, die Erfolgsgeschichten schreiben, Krempeln die Ärmel hoch und legen los. Ihre unaufhaltsame Energie räumt alle Hindernisse aus dem Weg.

Das größte Geheimnis ist: handeln, machen, umsetzen.

Viele von uns haben tolle Ideen, kommen damit jedoch nicht in die Umsetzung, weil sie sie ständig optimieren.

An dieser Stelle verrate ich Dir ein schmutziges Geheimnis: Bring die Sache unfertig raus und optimier sie live am Markt bis zur Reife.

In der Startup-Welt heißt so etwas „Minimal Viable Product“. Das steht für ein Produkt, das gerade so lebensfähig ist. Das kann also auch eine Idee sein, die noch nicht ganz ausgereift ist, von sich heraus jedoch schon überzeugen kann.

Ja, Du hast richtig gelesen, die Idee ist noch nicht fertig. Doch den Rest ihres Reifeprozesses kann sie draußen fortsetzen.

Babys kommen auch nicht komplett fertig zur Welt. Insbesondere menschliche Babys nicht. Die sind von sich aus zwar lebensfähig, brauchen jedoch noch ordentlich Zeit, bis sie vollkommen gar sind.

Bring Deine Idee also raus und lass sie sich draußen weiterentwickeln.

Dafür sprechen noch zwei weitere Gründe:

Zum einen hast Du wesentlich mehr Zeit, als Du denkst, um die Idee weiterzuentwickeln. Vielleicht hast Du Scheu, Deine Idee all den Menschen so unfertig zu präsentieren. Doch mal ehrlich: Es ist nicht so, als hätte die ganze Welt darauf gewartet und achtzig Millionen Menschen horchen auf, sobald wir eine Idee veröffentlichen. Schön wär’s …

Zum anderen ist diese frühe Phase Deiner Ideengeburt eine besonders fruchtbare Chance für Feedback. Je weniger komplett Deine Idee ist, desto besser kannst Du Anregungen und Empfehlungen erster Testnutzer berücksichtigen. Wenn also anfangs nur wenige Menschen auf Deine Idee schauen, hast Du eine Community, die Dir Feedback gibt, um Dich weiterzuentwickeln.

Mit meinen Blog-Artikeln verfahre ich übrigens genauso. Viele erscheinen erst in einer sehr puristischen Variante, in der ich alles aufschreibe, was mir durch den Kopf schwirrt. Wenn ich später Neues entdecke, komme ich zurück zum Artikel und baue die neuen Elemente ein.

Merkt das jemand? Nein! Denn was da noch kommt, ist ja vorerst nur in meinem Kopf.

Unsere Zielgruppe betrachtet nur, was sie sehen kann. Sie nimmt den unperfekten Zustand unserer Ideengeburten gar nicht wahr, denn sie weiß ja nicht, was noch alles in unseren Köpfen herumspukt.

Die Idee lebt und gedeiht auch noch weiter, nachdem sie deinen Kopf verlassen hat. Das ist also ein guter Weg, wie Du in Gang kommst und gleichzeitig immer weiter optimieren kannst.

Wenn Du allerdings schon gestartet bist und kein Ende findest, hilft Dir der nächste Tipp weiter.

 

4. Perfektionismus ohne Ende? Mach Dir klar, wie „fertig“ aussieht!

Dicke Augenränder, schlaffe Gesichtszüge und kleine Augen. So siehst Du vielleicht aus, wenn Du mit den Schattenseiten des Perfektionismus zu kämpfen hast.  

Doch das meine ich nicht mit der Überschrift. Ich bin darauf aus, wie Deine Idee, Deine Aufgabe oder ein Vorhaben aussieht, wenn er oder sie oder es fertig ist.

Klärst Du diese Frage, bevor Du startest?

Oder legst Du direkt los und schaust, wohin Dich Dein Gedanken treiben?

Der letzte Weg kann Dir zwar helfen, eine Blockade zu überwinden, doch er kann Dich auch geradewegs in einen unendlichen Perfektionsstrudel führen.

Wenn wir uns von den Gedanken immer weiter treiben lassen und schauen, was passiert, dann fällt uns kreativen Wesen ständig noch etwas Neues ein. Wir entwickeln Ideen, feilen an ihnen und optimieren sie kontinuierlich von einem Weihnachtsfest zum nächsten.

Und das ist ein Grund, weshalb so viele Menschen inklusive mir in dieser Situation landen.

Woher wollen wir wissen, wann wir mit unserer Schöpfung fertig sind, wenn wir kein Ende festgelegt haben?

Bevor Michelangelo seinen mehr als 5 Meter hohen David gefertigt hat, soll er wochenlang vor dem großen Marmorblock gesessen haben. Tag und Tag verbrachte er damit, sich die fertige Figur in allen Facetten auszumalen. Michelangelo sagte von seiner Arbeit, er habe den David aus dem Marmor freigelegt. Die Skulptur steckte für ihn also schon ganz klar im Stein, bevor er mit der Arbeit begann. Ein wunderbares Beispiel für ein klar definiertes “Fertig”.

Mach also von Anfang an Dein Ergebnis klar. Definiere vor dem Start, wie Dein Resultat aussieht, wenn die Aufgabe beendet ist.

Ist Dein Ziel definiert, hilft Dir das dabei, auf Deinem Kurs zu bleiben. Gleichzeitig kannst Du Deine Arbeit immer wieder mit Deiner Zieldefinition abgleichen und so herausfinden, wie viel Dich noch vom gewünschten Ergebnis trennt.

Arbeitest Du für andere Menschen, dann erfüllt das Briefing diesen Zweck. Darin solltest Du genau mit Deinem Auftraggeber vereinbart haben, wie das gewünschte Endresultat aussieht.

Das ist unglaublich wertvoll. Mir ist es schon passiert, dass ich so in ein Konzept versunken war, dass ich sehr viel mehr Facetten entwickelt habe, als der Kunde bei mir in Auftrag gegeben hatte.

Wenn wir voll im Flow sind, gehen wir gerne übers Ziel hinaus. Das ist komplett fein, denn Deinen Flow solltest Du nie unterbrechen. Schließlich arbeitest Du darin mit Leichtigkeit.

Ohne größeren Mühen gehst Du über Dein “Fertig” hinaus. Das ist kurz vor der Zielgerade ganz normal. Denn das, was du am Anfang Deiner Arbeit als Endziel definiert hat, relativiert sich im Laufe Deines Kreativprozesses. Du bekommst neuen Input, kennst Dein Thema nun aus vielen Perspektiven und möchtest vielversprechenden Facetten weiterverfolgen.

Die Verlockung ist groß, Deine Messlatte für “fertig” höher zu schieben und dem Projekt einen weiteren Schliff geben. Genau das ist die Gefahr, wo Du erneut in den Perfektionsstrudel geraten kannst – denn tust Du das einmal, wirst Du die Messlatte immer weiter anheben.

Wie entgehst Du dieser Gefahr? Ganz einfach: Definiere Dein “fertig” von Anfang an aus den Augen Deiner Zielgruppe. Hast Du den Status erreicht, ist Deine Idee reif für den Markt und kann sich dort weiterentwickeln.

Behalte Dein “Fertig” am Horizont im Auge. Das Ziel festlegen ist eine Sache. Doch erinnere Dich auch daran, ab und an wieder auf Deine Zieldefinition zu schauen.

Für beides gibt es eine Zeit.

 

5. Im Perfektionismus trennen wir Erschaffen nicht vom Bewerten

Ich mag Anfänge.

Ob ein neuer Text, ein neuer Vortrag oder ein neuer Song – am Anfang geht es hemmungslos zu. Ich schmeiße alles zusammen, was mir einfällt, probiere aus und lasse meine Gedanken richtig weit schweifen.

Hier gilt: Quantität vor Qualität.

Ein Blogbeitrag ist bei mir am Anfang ein verrückter Haufen zusammenhangsloser Gedanken, Behauptungen und langen Monologen, die ich in Ekstase verfasst habe.

Das ist eine witzige, unzensierte Lektüre. Ab und an landet davon auch was im finalen Text.

Anschließend geht’s in die Redaktionsphase. Ich schließe Lücken zwischen den Gedanken und poliere den Text, damit er Dir leicht über die Lippen geht.

Für beide Phasen der kreativen Arbeit gibt es einen Denkmodus. Der kreativ-wilde Modus auf der einen Seite und der sachlich-nüchterne, bewertende Modus auf der anderen. Beide solltest Du nur getrennt genießen.

Perfektionismus wird dann zum Problem, wenn Du beide Denkmodi gleichzeitig einsetzt. Du bist also im kreativen Flow, brichst jedoch ständig aus, indem Du Deine Gedanken sofort bewertest und innerlich kommentierst.

Im Grunde ist das so, als würdest Du ruckartig die Handbremse ziehen, während Du beschleunigst. Steh Dir nicht selbst im Weg!

Ich sehe kreative Gedanken als Blüten, die sich erst entwickeln und öffnen müssen. Beende den Gedanken, betrachte ihn in der Gesamtheit, lass ihn wirken und bewerte ihn erst danach.

Diese Schleife zwischen Erschaffen und Bewerten kannst Du mehrfach wiederholen, doch immer mit einem sauberen Wechsel und einem gesunden Abstand zwischen beidem.

Auch hier gilt wie in Punkt drei: Mach Dir klar, wann Du am Ziel angelangt bist. Sonst kannst Du es nicht erkennen, wenn Du es siehst.

Tust Du das nicht, gehst Du automatisch vom Bewerten zurück zum Feilen. Du optimierst ständig weiter und mit jedem neuen Fortschritt schrauben sich auch Deine Ansprüche nach oben.

Dann ist es wie so oft im Leben: Du hast diesen großen Wunsch – wenn der in Erfüllung geht, dann wirst Du für immer wunschlos glücklich sein. Denkst Du! Doch kaum hat sich der Wunsch erfüllt, taucht schon der nächste auf.

Mit Deiner Idee wächst auch Dein Anspruch. Diese Schleife beendest Du, indem Du den Ist-Zustand mit Deinem Ziel abgleichst. Passt das, gehst Du nicht mehr zurück ins Schleifen und Feilen.

Du bist fertig!

Viele Perfektionisten eiern durch dieses Problem rum. Sie schuften und schuften und kommen nicht am Ziel an. Daher knipsen wir diese Spirale mit einem ehrlichen Blick auf das Ziel aus.

 

6. Perfektionismus und Perfektion sind relativ

In der Einleitung habe ich Dir von meinem Smartphone, meiner Orchidee und der schwarzen Aktentasche erzählt. Erinnerst Du Dich?

Nun bevorzugst Du vielleicht eine andere Smartphone-Marke als ich, machst Dir nichts aus Taschen oder Pflanzen. Dann wirst Du meine Gegenstände wahrscheinlich nicht so sehr als perfekt betrachten wie ich.

Das ist total fein!

Der Test am Anfang macht greifbar, was häufig im Alltag zu Problemen und Konflikten führt: Wir messen mit unterschiedlichen Maßstäben.

Was für Dich perfekt ist, das beeindruckt einen anderen gar nicht. Und was für Dich 80 Prozent sind, das sind für einen anderen vielleicht nur 60 Prozent. Kannst Du Dir vorstellen, worauf ich mit meiner Pareto-Kritik hinaus will?

Ich gebe hin und wieder Texter-Coachings. Menschen, die leidenschaftlich gerne schreiben, kommen zu mir, um ihren Stil oder ihre Text-Kenntnisse auszubauen. Dazu bringen die Teilnehmer sowohl Texte mit, die sie besonders gut finden als auch solche, in denen sie viel Optimierungspotenzial sehen.

Bitte ich den Teilnehmer, die Qualität der Texte zu beurteilen, kriegt der besonders gelungene Text oft eine 90. Nachdem wir eine Weile zusammengearbeitet haben und der Teilnehmer seine Fähigkeiten weiterentwickelt hat, bitte ich erneut um eine Bewertung. Aus einer 90 ist dann oft eine 60 geworden.

Je nachdem, wie viel Du über eine Sache lernst, verändert sich auch Deine Idee davon, wie ein perfektes Resultat für Dich aussieht.

Ich dachte schon vor meinem Studium, ich könnte schreiben. Dann kam das Studium, mein der erste Job, jede Menge Weiterbildungen, ein Mentor, meine Selbstständigkeit, die Inspiration und noch heute entdecke ich Geheimnisse großer Autoren.

Jedes Mal, wenn ich meine Fähigkeiten weiterentwickle, verbessert sich auch die Qualität meiner Arbeit.

Vielleicht kennst Du das aus dem Sport? Du fängst an, die Basics zu lernen und kriegst langsam den Dreh raus. Jetzt fühlst Du Dich richtig gut.

Doch je mehr Du lernst, desto mehr erkennst Du auch, was Du noch alles verfeinern kannst. Mit Deinen neuen Fähigkeiten fällt es Dir leichter, auch die letzten 20 Prozent rauszuholen.

Ist das ein Drama? Nein! Die Regel greift immer noch, denn Du entdeckst 20 andere Prozent vom Ergebnis, die andere gar nicht auf dem Schirm haben. Bei Spitzensportlern kann das zum Beispiel ein Mentaltraining sein.

Wenn wir die 80-20-Regeln anwenden, müssen wir immer auch klären, wie 80 Prozent konkret aussehen. Arbeitest Du alleine, machst Du das mit Dir aus. Arbeitest Du mit anderen oder für andere, dann frag Dich, wessen Ansprüchen Du genügen willst.

Was für den Einzelnen 80 Prozent bedeutet, ist ganz entscheidend, wenn wir im Team arbeiten. Wenn die 80 Prozent Deines Kollegen für Dich nur 40 sind, dann wird die Zusammenarbeit mit Dir wahrscheinlich ziemlich anstrengend für ihn.

Mittlerweile ahnst Du die Lösung wahrscheinlich schon: Ihr definiert das Zielbild des „fertigen“ Zustands gemeinsam.

Auf diesem Weg gelingt es Dir, Perfektionisten wie Pragmatischen unter einer Flagge zu mobilisieren und erfolgreich ans Ziel zu führen.

Zum Abschluss kommt nun der Hammer.

 

7. Perfektion gibt es nicht!

Achtung! Jetzt wird’s philosophisch!

Mein Standpunkt zur Perfektion:

Perfektion gibt es nicht, doch Du solltest nach ihr Streben.

Verwirrt? Warte ab! Das legt sich gleich.

Stell Dir vor, Du bist Gärtner und pflegst einen englischen Rasen. Eine grüne Wiese, wo jeder Grashalm seinen Platz hat.

Du hast eine Idee davon, wie der Rasen ist, wenn er perfekt ist. Eine ebene Fläche in sattem Grün, und kein Halm tanzt aus der Reihe. Absolute kuschlig weiche Symmetrie!

Gehen wir weiter mathematisch vor. Abhängig von den Umweltfaktoren wächst das Gras mal schneller, mal langsamer. Doch es entwickelt sich konstant weiter.

Hast Du es perfekt getrimmt, wird dieser Zustand der Perfektion nicht von Dauer sein, denn noch im selben Moment wächst der Rasen weiter und verändert sich wieder weg vom Idealzustand.

Deine und meine Welt verändern sich dauernd wie dieser Rasen. Manches können wir beeinflussen, vieles jedoch nicht. Wir können also nach einem perfekten Zustand streben, doch auch mit allem Wissen und größter Sorgfalt können wir diesen Zustand nicht halten, weil er immer auch von anderen Kräften und Mächten abhängt.

Wenn Perfektion für den Zustand der absoluten Vollkommenheit steht, dann ist er flüchtig und unhaltbar.

Viele sehen darin einen Grund, erst gar nicht nach Perfektion zu streben. Technische Geräte sind heute nur für kurze Zeit State of the Art, bis die nächste Innovationswelle einsetzt. Das hohe Entwicklungstempo führt heute zu immer kürzeren Lebenszyklen von Produkten und Ideen. Unser Zeit ist so schnelllebig, dass all die Mühen, Großes zu schaffen, nur für kurze Zeit Früchte tragen.

Und doch verlangen die Menschen nach möglichst perfekten Produkten. Die Ansprüche sind hoch. Ein mittelmäßiges Smartphone hat am Markt halt nicht den Wert von einem, bei dem die Entwickler auch die letzten 20 Prozent rausgeholt haben.

Deshalb strebe ich nach Perfektion. Das Wort „streben“ nutze ich bewusst. Mir geht es nicht darum, immer alles perfekt zu machen. Doch ich habe den Anspruch, möglichst nahe an das perfekte Ergebnis heranzukommen. Hier bekommt die Arbeit Tiefgang.

In unserer Welt gibt es heute so viel Oberflächlichkeit, dass Du Dich mit Tiefgang und besonderem Einsatz wunderbar auszeichnen kannst.

Wenn mich Menschen für meine Haltung kritisieren, kann ich das oft darauf zurückführen, dass sie gerade diesen Tiefgang scheuen. Der bedeutet nämlich harte Arbeit, die nach Fokus und Konzentration verlangt. In Zeiten ständiger Ablenkungen und verkümmerter Aufmerksamkeit ist das eine echte Herausforderung.  

Ich habe den Eindruck, dass viele deswegen die längere und tiefergehende Auseinandersetzung scheuen und sich mit Mittelmaß zufrieden geben. Sie schrauben ihre Zielsetzung runter, weil ihnen der Weg sonst zu schwierig ist.

Jemand, der die Dinge übers Knie bricht und halbherzig abliefert, bevor er es zu Ende gedacht hat, sagt dann, dass ein Perfektionist nicht in die Gänge kommt.

Doch bist Du bereit, viel Geld für Mittelmaß zu bezahlen? Nein! Mittelmaß kann jeder und entsprechend hat es einen geringen Wert.

Lass uns eine Schlussfolgerung unter die gesamte Argumentation ziehen: Werde richtig gut, damit Deine 80 Prozent für alle anderen wie 95 wirken. Das ist der Schlüssel.

Und wie wirst Du richtig gut? Indem Du immer wieder Deine Komfortzone verlässt, Dich von Deiner Neugier treiben lässt und über die 80 Prozent hinaus gehst. Genau in den letzten 20 Prozent wartet das Wachstum auf Dich.

Neben dem Wachstum erntest Du hier noch andere Früchte: die Begeisterung Deiner Kunden, wenn Du ihre Erwartungen übertriffst. In einer Welt der Oberflächlichkeit fällst Du mit Tiefgang auf.

Etwas kitschig gesagt: Greife nach den Sternen, dann kannst Du sicher sein, dass Du es bis zum Mond schaffst. Peilst Du hingegen den Mond an, bleibst Du wahrscheinlich an der Erdumlaufbahn hängen.

 

Fazit

Der Grat zwischen Mittelmaß und Perfektion scheint so schmal zu sein wie der zwischen Oberflächlichkeit und Tiefgründigkeit. Wo hört das eine auf und wo fängt das andere an?

Deine Haltung entscheidet maßgeblich über Deine Resultate. Je nach Job ist es gut und richtig, nach gefühlten 80 Prozent abzuschließen. Willst Du jedoch lernen, Deinen Grenzen sprengen und über Dich hinauswachsen, investierst Du besser noch ein paar Prozent mehr.

Mach Dir allerdings immer klar, wo Dein Ziel liegt und trenne Kreation von Bewertung. Mit Deiner Zielsetzung legst Du fest, wie viel Aufwand Du in eine Sache stecken willst und holst aus der verfügbaren Zeit das Maximum raus.

Die Grenze dessen, was Du für perfekt hältst, wird sich mit Deinem zunehmendem Können verschieben.

Nicht der Perfektionismus an sich ist das Problem, sondern die vielen Fallstricke, die auf uns lauern, wenn wir diesen Weg beschreiten.

 

 

 

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