All in oder Nummer Sicher? Ist Risiko Voraussetzung für Erfolg?

Große Erfolgsgeschichten entstehen immer dann, wenn wir auf volles Risiko setzen – Mythos oder Wahrheit? Lass uns genauer hinschauen und herausfinden, ob Du für Deine Idee gleich alle Brücken hinter Dir verbrennen solltest oder Dir doch lieber ein zweites Standbein sicherst.

Diesen Beitrag gibt's übrigens auch als Podcast – Folge 4

Der langsame Weg zum schnellen Erfolg

Ein Student hatte ein Problem: Seine Brille war kaputtgegangen, doch sein Geld reichte nicht für eine neue. Ganze 500 Dollar sollte er auf den Tisch legen, um ein Gestell und Gläser in überzeugender Qualität zu bekommen. Als Student, dem die Kohle ohnehin knapp war, konnte er sich das nicht leisten. Also reparierte er seine Brille kurzerhand in Eigenregie mit einer Büroklammer. Die hielt das Gestell für einige weitere Jahre zusammen. Doch obwohl er sein Problem damit erst einmal aufgeschoben hatte, ließ ihm die Situation keine Ruhe. Brille muss doch auch anders gehen, dachte er.

So erzählte er 3 Kommilitonen davon. Die konnten seinen Schmerz nachvollziehen und die 4 Studenten setzten sich zusammen, um kein geringeres Abenteuer zu wagen, als den amerikanischen Brillenmarkt zu revolutionieren. Kein leichtes Unterfangen, denn der Brillenriese Luxottica kontrollierte 80 Prozent der Branche. Dank seiner Marktmacht konnte er ungehindert seine hohen Preise durchsetzen. Wie sollten ein paar kleine Studenten etwas daran ändern?

Doch die 4 ließen sich nicht unterkriegen. Ihre Vision: Die Kunden sollten bei ihnen eine Brille für weniger als 100 Dollar bekommen – und zwar online. Sie experimentierten mit einigen Geschäftsideen und brauchten erst einmal 6 Monate, um sich auf einen Namen zu einigen. Sie wussten, wie wichtig ein guter Name war und überließen deswegen nichts dem Zufall. Parallel führten alle 4 ihr Studium fort und absolvierten zwischendurch sogar noch Praktika. Natürlich waren sie begeistert von ihrer Vision und sie spürten: Da ist ein gigantisches Potenzial! Doch bei den großen und wichtigen Entscheidungen ließen sie sich nicht von ihrer Euphorie treiben. Sie blieben selbstkritisch und analysierten die Sachlage mit Sorgfalt.

Ihre zentrale Idee, um online das Vertrauen ihrer Kunden zu gewinnen: Sie wollten ihnen die Brille mit Geld-zurück-Garantie anbieten. Über ein Problem zerbrachen sie sich jedoch den Kopf: Ein teurer Bestandteil der Brille sind die Gläser. Die werden individuell für die Sehstärke des Kunden angefertigt und geschliffen. Sie würden also für ihre Kunden in Vorleistung gehen. Müssten sie eine Brille zurücknehmen, bleiben sie auf den Kosten sitzen. Außerdem belegte ihnen die Marktforschung, dass die Kunden trotz Geld-zurück-Garantie wenig begeistert von ihrem Konzept waren. Sie erkannten das Potenzial auf dem Markt, doch mit einer halbgaren Idee wollten sie nicht starten.

Also grübelten sie weiter und plötzlich platzte der Knoten: Die Gläser spielten bei der Wahl der neuen Brille keine Rolle. Viel wichtiger war doch, ob das Gestell zum Gesicht passte. Deshalb würden sie den Kunden einfach mehrere Gestelle gratis nach Hause schicken. Hier könnte der Kunde sie in Ruhe anprobieren und seine Wahl treffen. Anschließend würde die Brille mit den passenden Gläsern für ihn fertiggestellt. Das war’s! Der Groschen war gefallen.

Nun machten sie sich an den Aufbau der Website – alles immer noch, während sie ihr Studium fortsetzten. Einer von ihnen nahm sogar eine feste Arbeitsstelle an – zur Sicherheit – sollte die Idee des Brillenshops nicht aufgehen. Doch Fleiß und Geduld der 4 Studenten hatten sich gelohnt. Als der neue Anbieter Warby Parker 2010 in den USA an den Markt ging, explodierte die Nachfrage innerhalb kurzer Zeit dermaßen, dass das Start-up schon nach kurzer Zeit eine lange Warteliste führte. Bis heute ist Warby Parker zu einem Unternehmen im Wert von 1,75 Milliarden Dollar gewachsen und das Geschäftsmodell längst auch in Deutschland bekannt.

Story in Anlehnung an „Nonkonformisten“* von Adam Grant

Umbruch in allen Bereichen: Ohne Risiko kein Erfolg?

Die 4 Studenten von Warby Parker entsprechen so gar nicht dem heutigen Bild des „Starte, bevor Du bereit bist“, „Setze alles auf eine Karte, wenn Du wirklich an Deine Idee glaubst“ oder „Wenn Du für Deine Idee nicht all in gehst, dann brennst Du nicht genug dafür!“.

Ich erlebe immer wieder Menschen, die nach einem Moment der Erleuchtung – zum Beispiel auf einem Seminar – ihr gesamtes Leben auf den Kopf stellen wollen. Nichts soll beim Alten bleiben. Sie haben eine Vision und sehen plötzlich ganz klar vor sich, wo sie hinmöchten: Alles soll anders sein. Alles muss außergewöhnlich sein. Alles jetzt sofort!

Ja, diese Energie, wenn Du plötzlich klar sehen kannst, ist etwas Wunderschönes. Doch manche lassen sich davon sehr weit treiben. Sie kündigen ihren Job, beenden ihre Beziehungen oder ziehen sich ab sofort anders an, weil sie glauben, in allen Bereichen ihres Lebens plötzlich zum Genie werden zu müssen. Und die gehen doch überall an die Grenzen und auf volles Risiko, oder?

Mythos: Erfolgreiche Menschen sind immun gegen Risiken

Die Annahme ist weit verbreitet, dass originelle Menschen nur dann Erfolg haben, wenn sie bereit sind, große Risiken einzugehen. Sie wagen sich mit ihren Ideen auf unerschlossene Gebiete und wirken wie mutige Pioniere. Dabei wirkt es so, als wären sie immun gegen Risiken. Angst vor dem Ungewissen? Risikoscheu? Nur was für Amateure!

Echte Weltveränderer scheinen keinen Gedanken ans Scheitern oder an mögliche Gefahren auf ihrem Weg zu verschwenden. Zurück bleibt bei uns das Bild des mutigen Genies, das so Feuer und Flamme für seine Idee ist, dass es alles auf eine Karte setzt. Und je häufiger wir diese Geschichten hören, desto mehr verfestigt sich die Folgerung, dass große Erfolge immer auch volles Risiko von uns abverlangen. Doch ist das wirklich so?

Studie wirft neues Licht auf den Umgang mit Risiken

Zwei Forscher Raffiee und Feng von der University of Wisconsin-Madison haben sich im Rahmen ihrer spannenden Studie genauer angeschaut, wie Risiko und unternehmerischer Erfolg wirklich zusammenhängen. Dabei gingen sie von der Annahme aus: Menschen, die ihren gutbezahlten Job sofort ganz an den Nagel hängen, um etwas Eigenes starten, gelten als risikobereiter und man sagt ihnen häufiger Erfolg nach. Doch genau das Gegenteil ist der Fall! Die Forscher fanden heraus, dass Menschen, die ihren Brotjob erst einmal behielten, während sie sich nebenbei etwas aufbauten, im Schnitt 33 Prozent seltener scheiterten.

Bei genauerem Hinsehen leuchtet das ein. Menschen, die nicht blauäugig in das Abenteuer starten, sondern selbstreflektiert und umsichtig agieren, haben einen großen Vorteil: Sie geben sich Zeit, Erfahrungen zu machen und zu lernen. Sie vertrauen nicht auf Spekulationen, große Hoffnungen oder unbewiesene Annahmen, auch wenn sie noch so verlockend erscheinen. Die 4 Jungs von Warby Parker hätten sich auch gleich mit der ersten Idee auf den Markt stürzen können. Stattdessen haben sie ihren Ideen den nötigen Raum gegeben, um zu reifen. Sie setzten ihr Studium fort und bewarben sich danach sogar für feste Jobs, um während der Gründung ihren Lebensunterhalt abzusichern.

Übrigens sind die Warby Parkers nicht die einzigen, die auf Nummer Sicher gebaut haben. Auch die Google-Gründer, der Entwickler von ebay sowie Henry Ford und Bill Gates hatten solange ein zweites Standbein, bis der ihre neuen Unternehmungen ausreichend Früchte abwarfen, dass sie davon leben konnten.

In ihrer Studie erklären die beiden Forscher Raffiee und Feng zudem: Solche Unternehmer, die sich von Euphorie leiten lassen und Hals über Kopf in ein Wagnis stürzen, sind häufiger eher Zocker und können sich selbst und ihrem Unternehmen gefährlich werden.

Halte die Bereiche Deines Lebens im Gleichgewicht

Noch eine weitere Sache ist beim risikofreudigen Draufgänger verzerrt: Wenn bedachte und nachhaltig agierende Unternehmer Risiken eingehen, dann tun sie das bewusst nur in einem ganz bestimmten Bereich ihres Lebens. Die Risikobereitschaft an dieser einen Stelle gleichen sie aus, indem sie für Stabilität in allen anderen Bereichen ihres Lebens sorgen.

Stell Dir nur einmal vor, wie viele Baustellen Dich innerlich beschäftigen würden, wenn Du gerade Deinen Job kündigst, dann jedoch auch noch Deine bisher so erfüllte Beziehung plötzlich in die Brüche geht, Dein Vermieter Eigenbedarf anmeldet und Du gleichzeitig noch einen Bandscheibenvorfall hast. In dem Fall brennt es an allen Stellen in Deinem Leben und die Chancen stehen schlecht, dass Du unter diesen Umständen Deine Idee großziehst.

Betrachte also auch bei herausragenden Persönlichkeiten wie ihre anderen Lebensbereiche aussehen. Manche sind vielleicht unternehmerische Draufgänger, im Privatleben jedoch total Spießer und Sicherheitsfanatiker. Oder sie sind schlagfertige Verkäufer, trauen sich jedoch nicht, in einer Bar ihren heimlichen Schwarm anzusprechen.

Hier spielt der Halo-Effekt gerne mit rein. Der sorgt dafür, dass wir von einer Eigenschaft in einem Bereich des Lebens eines Menschen auf alle anderen Bereiche seines Lebens schließen. Wenn jemand also für seine Idee volles Risiko geht, folgern wir, dass er auch in anderen Bereichen seines Lebens ein Draufgänger und Grenzgänger sein muss.

Oberflächlich gesehen wirken solche Menschen wagemutig, entschlossen und robust. Doch auf anderen Gebieten hadern sie genau mit den gleichen Zweifeln und Unsicherheiten wie jeder andere auch. Ich kenne zumindest kein Genie, das in allen Lebensbereichen brillant ist oder war. Kennst Du eins? Dann lass es mich bitte wissen!

Gib Dir nen Schubser, doch stürze Dich nicht kopfüber aus dem Fenster

Wenn Du eine große Idee umsetzen willst oder Dich zum Beispiel selbstständig machen willst, dann sorge für ausreichend Stabilität und Rückhalt in den anderen Bereichen Deines Lebens. Ist die groß genug, kannst Du auch einen größeren Schritt wagen und ein Risiko eingehen, denn Dein Leben wird Dich auffangen. Du kannst dann jederzeit Kraft tanken und Stärke beziehen, um an anderer Stelle Höchstleistung zu bringen.

Als ich mich selbstständig gemacht habe, bin ich dabei auch unbewusst so vorgegangen: Ich hatte eine bezahlbare Wohnung und ein paar Reserven auf dem Konto. Mein Freund war schon lange selbstständig und wusste, welche Zeit mit bevorstand. Von ihm erhielt ich viel Verständnis und auch andere Freiberufler in meinem Freundeskreis teilten ihre Tipps und Kontakte mit mir. So hatte ich starke Wurzeln und konnte mich voll in das Abenteuer werfen.

Steht Dein Leben auf festen Füßen, kannst Du all in gehen, wenn es für Dich wirklich drauf ankommt.

Wichtig ist jedoch dabei, nicht einzuschlafen oder Dich in perfektionistischen Schleifen zu verzetteln. Selbstreflexion ist ein wichtiger Schlüssel, doch sorge dafür, dass Bewegung in Deinen Gedanken bleibt und Du ständig in der Umsetzung bleibst. Das kannst Du zum Beispiel tun, indem Du Dir klare Deadlines setzt oder Dir einen Sparringspartner wie mich an Deine Seite nimmst.

Behalte immer im Hinterkopf: Jede Pflanze wächst auf fruchtbarem Boden mutig der Sonne entgegen. Rakete startet von einer festen und stabilen Startrampe! Wenn Du die hast, dann trau Dich, Deins zu machen!

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